Ich lebe mit T1D und habe bei einem Marathon die Ziellinie überquert

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Ich bin Zoe HEINEMAN (@hypoglycemia_awareness), 56 Jahre. Ich lebe mit meinem Mann Alex und unserem Belgischen Schäferhund in den Pocono-Bergen in Pennsylvania in den Vereinigten Staaten und arbeite als Senior-Vizepräsidentin Nordamerika für Diabeloop. Ich lebe seit 1990 mit Typ-1-Diabetes. Meine privaten Hobbys sind Beschäftigungen im Freien, Gärtnern, Musik, Kunst, Kochen und Laufen.   

Waren Sie vor Ihrem ersten Marathon eine erfahrene Läuferin oder eine absolute Anfängerin?   

In meiner Jugend, bevor der Typ-1-Diabetes bei mir diagnostiziert wurde, bin ich gelegentlich gelaufen. Nach meiner Diagnose habe ich es eine ganze Zeit lang schwierig gefunden, intensiv Sport zu treiben, ohne eine Hypoglykämie zu bekommen und das erschien mir kontraproduktiv. Als ich mich meinem 40. Geburtstag näherte, erreichte ich einen Punkt, ab dem mir das Risiko einer Hypoglykämie zu groß war, im Vergleich zu meinem Wunsch fit zu sein. Durch Ausprobieren fand ich heraus, wie ich meine Insulin- und Kohlenhydratzufuhr umstellen musste, um einen Ausgleich zu finden. Ich begann, morgens und abends jeweils 2 Meilen mit meinem Hund auszugehen und wenn möglich zu laufen. Das war für mich machbar und fühlte sich gut an.   

Waren Sie es gewohnt, Sport zu treiben? Wie oft und wie lange?

Als Kind war ich Wettkampfschwimmerin. Ich habe mir das persönliche Ziel gesetzt, während der Woche abends 4-5 Meilen zu laufen und morgens am Wochenende einmal etwas mehr. Jede Woche, in der der Marathon näher kam, hängte ich etwa eine zusätzliche Meile dran. In den letzten Wochen vor dem Marathon ist es jedoch wichtig, die Meilenzahl wieder zu reduzieren, damit der Körper sich erholen kann. Man muss wirklich für sich selbst herausfinden, was für den Körper am besten funktioniert.   

Wann und wo haben Sie zum ersten Mal bei einem Marathon die Ziellinie überquert? 

Das war beim Marathon in New York City im Jahre 2013. Seitdem habe ich immer versucht, ihn mit meinem Laufteam „Achilles International“ zu laufen. Insgesamt habe ich den New Yorker Marathon 7-mal und den Pariser Marathon einmal mit 2 amerikanischen Freunden im Jahr 2018 abgeschlossen.

Was ist Ihnen bei einem Marathon lieber: Laufen oder Power-Walking?    

Ich kombiniere beides. Das hängt von meinem jeweiligen Glukosespiegel ab.  Wenn mein Glukosespiegel 80 mg/dl erreicht und abfällt, gehe ich, bis er abflacht und nehme auch eine kleine Menge Glukose zu mir. Ich laufe bei einem Rennen mit einem mäßigen Tempo von 11 Minuten pro Meile, was manche langsam finden würden. Das hilft mir jedoch, meinen Glukosespiegel zu stabilisieren. Ich esse ungefähr alle 2 Meilen etwas Energie-Gel. Mein Ziel hierbei ist es, das Rennen zu genießen, ohne beim Laufen schweren Unterzucker zu bekommen. Bis jetzt ist mir das bei jedem Rennen gelungen. Man muss für sich selbst ausprobieren, was beim Laufen am besten funktioniert.   

Wie war diese erste Erfahrung?    

Vor dem ersten Mal war ich mir nicht einmal sicher, ob ich in der Lage bin 26,2 Meilen zu laufen. Als ich Central Park betrat, wurde mir klar, dass ich es schaffen würde. Es trennten mich nur noch ein paar Meilen von der Ziellinie, trotz oder gerade wegen Diabetes. Es hat mein Selbstvertrauen unheimlich gestärkt, ein neues Ziel zu erreichen, das man nie für möglich gehalten hätte. Statt mir zu sagen „Ich könnte niemals 26,2 Meilen laufen“, habe ich mich selbst angefeuert „Ich kann mir anspruchsvolle Ziele setzen und sie auch erreichen, genau wie bei diesem Marathon.“ Diese neue Denkweise übertrug sich von meiner körperlichen Leistung auf mein restliches Leben.   

Erzählen Sie uns mehr über Ihren letzten Marathon  

Am 7. November 2021 war der 50. Jahrestag des New Yorker Marathons, nach 2 Jahren, hierbei zählt 2020 nicht. Das Wetter war vollkommen wolkenlos, sonnig, kühl und mit einer leichten Brise. An diesem Tag herrschte besondere Vorfreude und positive Energie, da so viele Menschen in New York die letzten 2 Jahre trainiert hatten und andere wirklich gerne beim Marathon zuschauen und die Läufer anfeuern wollten. Die Straßen säumten Schilder, auf denen „New York Is Back“ und „New York 4Evah“ und „Welcome Back Runners“ zu lesen war. Die ganze Stadt feierte diese lang erwartete Versammlung und freute sich, erneut solche Art großer Veranstaltungen abzuhalten. Ich hatte den Eindruck, dass seit 2013 noch nie so viele Menschen neben der Strecke gestanden haben. Das ist bei weitem eines meiner Lieblingsrennen, an dem ich immer teilnehmen möchte und stolz darauf bin. Ich bin es Seite an Seite mit 2 Freundinnen gelaufen, Kelsey und Zoe, die während der Pandemie mit mir zusammen trainiert haben. Ich war während des ganzen Rennens in der Lage, meinen Glukosespiegel zwischen 79 und 123 zu halten.    

Im November 2020 wurde der New Yorker Marathon auf Grund von COVID-19 virtuell abgehalten. Es war seltsam, bei diesem virtuellen Rennen alleine zu Hause Runde um Runde in meiner Nachbarschaft zu drehen. Die extrem kalten Temperaturen mit Eisregen störten den Betrieb mancher meiner Geräte, was eine echte Herausforderung war. Auch mein Handy konnte die gelaufene Strecke nicht genau aufzeichnen. Ohne die Spannung beim Rennen war es irgendwie nicht dasselbe und kam mir seltsam vor.  

Lassen Sie uns jetzt über Sie und Marathons im Allgemeinen reden. 

Warum haben Sie sich dazu entschlossen, einen Marathon zu laufen? Welche sind Ihre Ziele? 

Was hat mich dazu veranlasst, einen Marathon zu laufen? Ich bin wirklich gerne jeden Tag draußen in der frischen Luft, um mich zu entspannen und es zu genießen, die wechselnden Jahreszeiten zu beobachten. Meine Familie spornt mich an für Marathons zu trainieren, denn ich möchte so lange wie möglich gesund bleiben und Zeit mit ihnen verbringen. Mir ist es jedoch am wichtigsten, den Gesundheitsrisiken entgegenzuwirken, die mit Diabetes einhergehen. Eine gute Durchblutung und ein gesundes Herz-Kreislauf-System sind für die allgemeine Fitness von Menschen mit Diabetes grundlegend.     

Gibt es dort Sanitätszelte? Haben Sie die Veranstalter vor dem Start über Ihr T1D informiert?    

Es gibt Sanitätszelte für echte medizinische Notfällen. Man muss selbstständig sein und sich auf alle Bedürfnisse vorbereiten, die während eines Marathons auftreten können. Die Teilnehmer haben jedoch die Möglichkeit, neben der Startnummer medizinische Angaben zu leisten, um anzugeben, welche Medikamente sie einnehmen und ob sie Allergien haben. Ich persönlich trage immer ein Medic-Alert-Armband, das alle meine medizinischen Informationen und eine gebührenfreie Nummer enthalten, mit der man meine Notfall-Kontakte anrufen kann. 

Was sind Ihre schönsten Erinnerungen?   

Davon gibt es so viele. Die kleinen Kinder, die am Straßenrand zuschauen und die Hand zum Abklatschen ausstrecken oder mir ihre Halloween-Bonbons anbieten. Die lustigen Kostüme, die manche Läufer tragen. Der Typ, der den Marathon barfuß läuft.    Der Typ, der beim Laufen jongliert. Ach ja, und die Schilder, die manche Zuschauer den Läufern zum Lesen hinhalten. Auf einem meiner Lieblingsschilder stand in etwa: „Ist das nicht etwas weit für eine Gratis-Banane?“ Im Central Park steht immer ein Typ, der sich als Gott verkleidet hat und ein Schild hält, auf dem steht „Das Ende ist nahe.“  

Haben Sie eine oder mehrere persönliche Devisen?  

Eine davon ist „Immer nach vorne sehen.“ Wenn ich laufe, fühle ich mich wirklich frei und denke „Alles hinter mir zurücklassen.“  Manchmal stelle ich mir vor, dass ich „Den Diabetes-Komplikationen davonlaufe”, wenn ich besonders viel Motivation brauche.   

Was möchten Sie Leuten mit T1D sagen, die:

> sich überlegen, ob Sie einen Marathon laufen sollten:  

Damit ist ein großer Zeitaufwand verbunden. Man muss regelmäßig laufen, an den Tagen, an denen man nicht läuft, ist Krafttraining und Zeit für Stretching erforderlich. Sie sollten damit anfangen, sich eine Laufgruppe in ihrer Gegend zu suchen, mit der Sie trainieren und neue Strecken zum Wandern oder Laufen entdecken können. Mit anderen zu laufen kann Spaß machen und an den Tagen motivieren, an denen Sie sonst vielleicht am liebsten im Bett bleiben würden.   

> noch zweifeln:   

Bauen Sie Ihr Selbstvertrauen eine Meile nach der anderen auf und denken Sie daran, wieder zu Kräften zu kommen, indem Sie zwischen Tagen, an denen Sie laufen, und Tagen, an denen Sie sich erholen, abwechseln.

> denken, dass sie dazu nicht in der Lage sind:  

Das Training ist wichtiger als das Rennen selbst. Solange es Ihnen Spaß macht, lernen Sie, was Sie gerne machen und wie Sie Ihren Körper stärken können. Testen Sie auf einer kürzeren Laufstrecke, wie Sie reagieren, wenn Sie sich mitten in einer Horde mit Tausenden von Leuten befinden, die vor, hinter und neben Ihnen laufen. Es kann sein, dass Sie es berauschend und anregend finden oder dass es Ihnen nicht gefällt. Jede beliebige Übung, die Sie motiviert, wird Ihnen helfen, Ihren Körper fit zu halten.   

Möchten Sie uns sonst noch etwas sagen?

Irgendwie bereitet die Tatsache, mit einem Typ-1-Diabetes zu leben, Sie auf das Erlebnis vor, einen Marathon zu laufen. Sie müssen darauf vorbereitet sein, unerwartete Ereignisse zu bewältigen. Ich habe mir eine positive Denkweise angeeignet, trotz kleinerer Rückschläge. Ich weiß, dass ich mit allem fertig werde, was sich mir in den Weg stellen könnte. Mit einem Typ-1-Diabetes zu leben, bedeutet, alle alltäglichen Hindernisse überwältigen zu müssen. Hierbei kann es sich um Stress oder eine Krankheit handeln, was den Glukosespiegel ansteigen lässt. Oder um eine unvorhersehbar verspätete Mahlzeit. Auch Insulin kann manchmal nicht so wirken, wie erwartet. Die Injektionsstelle der Insulinspritze kann zu Hautreizungen führen. Vielleicht gibt es auch Probleme mit einem anderen Mittel, auf das Sie sich verlassen und das nicht wie gewohnt wirkt. Das Management all dieser Variablen, ist irgendwie einem Marathon gleichzustellen. Denn auch bei einem Marathon gibt es viele Faktoren, die Sie nicht beeinflussen können: das Wetter, die Menschenmasse um Sie herum, ein Rennen, das neu für Sie ist und auch, wie erholt Sie sich gerade an diesem Morgen beim Aufstehen fühlen. 

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