Die psychologische Auswirkung von Diabetes Typ 1: Burn-out, Stress, Depression, Erschöpfung …

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Haben Sie das Bild einer Kerze im Kopf, die brennt, bis sie von selbst erlöscht? In Englisch nennt man dies „Burn-out“. Heutzutage wird dieser allgemein gebräuchliche Begriff in der Welt der Arbeit oder Medizin benutzt, um den Zustand körperlicher, geistiger und emotionaler Erschöpfung zu benennen; an der Grenze zu einer möglichen unterschwelligen Depression.

Ein „Burn-out“ wird in Verbindung mit Diabetes als ein Erschöpfungs- und Frustrationsgefühl gegenüber dem täglichen Umgang mit der Krankheit beschrieben und bewirkt manchmal inkohärente Verhaltensmuster des Selbsmanagements. Der Ausdruck „Burn-out“, ein Synonym für Stress in Verbindung mit Diabetes, wird am häufigsten benutzt.

1 | Der tägliche Umgang mit Diabetes: die potentiellen Schwierigkeiten 

Ein internationales Programm analysierte die psychosozialen Auswirkungen von Diabetes bei den betroffenen Personen. Es ging speziell darum, die psychologischen, sozialen und verhaltenstechnischen Hemmnisse zu bewerten, die den täglichen Umgang mit der Krankheit erschweren.

Hier eine Zusammenfassung der wichtigsten Ergebnisse ihrer Arbeiten:

  • Man kann von einer Art von Stress in Verbindung mit dem Diabetes an sich sprechen (Stress im Augenblick der Krankheitsdiagnose, Schwierigkeiten im täglichen und gesellschaftlichen Leben, mangelndes Wohlsein, psychologische Probleme, unzulängliche medizinische und psychologische Betreuung),
  • Die Beziehung Patient(in)/Pfleger(in) wird als gut bewertet, aber es erscheint ein Mangel an Kenntnissen von Seiten des medizinischen Personals hinsichtlich der psychologischen Konsequenzen von Diabetes (69,8%) und der unterschiedlichen ethischen Kulturen der Personen, die betreut werden,
  • Aufgrund mangelnder Zugänglichkeit der medizinischen Fachkräfte (behandelnder Arzt, Spezialisten, Psychologen) ist die Beziehung mit dem Gesundheitssystem unzureichend, 
  • Man begegnet Hemmnissen bei der täglichen Behandlung (übermäßig komplexe Behandlung, Überdruss gegenüber ihrem täglichen Ablauf)1

2 | Kann man im Zusammenhang mit Diabetes Typ 1 von psychosozialer Belastung sprechen?

Für gewisse Menschen kann es schwierig sein, mit Diabetes zu leben. Medizinische Fachkräfte haben sich mit emotionalen Belastungen in Verbindung mit Diabetes Typ 1 beschäftigt („sich überfordert fühlen“, „den Eindruck haben, zu versagen“);  und ein Messsystem entwickelt: die Diabetes-Stress-Skala(DDS 17).

Auf diese Weise kann das Pflegepersonal den Leidensdruck der Menschen analysieren, die mit Diabetes leben: 

  • Auf emotionalem Niveau („der Diabetes monopolisiert einen Teil meiner geistigen und physischen Energie, ich empfinde Wut, Angst oder Depression, der Diabetes kontrolliert mein Leben, ich fürchte mich vor Komplikationen, ich fühle mich überfordert“),
  • Die Beziehung zu den medizinischen Fachkräften („mein Arzt weiß nicht genug über Diabetes, die Verhaltensregeln, die er mir gibt, sind nicht klar genug, er nimmt meine Befürchtungen nicht ernst, er untersucht mich nicht regelmäßig genug“), 
  • Der Einfluss auf den Lebensstil („ich überprüfe meinen Blutzucker nicht oft genug, ich habe Schwierigkeiten, damit zurechtzukommen, ich habe kein Vertrauen in meine Art, damit umzugehen, Abweichung von einer angemessenen Diät, fehlende Motivation“), 
  • Die zwischenmenschlichen Auswirkungen („meine Familie unterstützt mich nicht, sie versteht nicht, wie schwer es ist, mit Diabetes zu leben, mir fehlt die emotionale Unterstützung, die ich gerne hätte“).

Je nach dem Ergebnis schätzen die medizinischen Fachkräfte das Niveau des Leidensdrucks ein und entscheiden, ob gewisse Aspekte des Stresses, die sich aus dem Fragebogen ergeben, besondere klinische Aufmerksamkeit erfordern. Die Antworten können auch Gelegenheit zu einem Gespräch mit den Personen bieten, die mit Diabetes leben2

Zu lesen: Wie erkennt und überwindet man einen Diabetes-Burnout?

Eine Untersuchung hat sich mit den Ursachen von Stress und Burn-out im Zusammenhang mit Diabetes bei Erwachsenen mit Diabetes Typ 1 beschäftigt. 41,6% klagen zumindest über mäßigen Stress. Die befragten Personen haben folgende Ursachen von Stress genannt:

  • Das Gefühl der Hilflosigkeit, 
  • Negative soziale Wahrnehmung, , 
  • Der Stress: in Zusammenhang mit dem medizinischen Fachkräften, den Freunden/Freundinnen / der Familie; angesichts von Hypoglykämie, dem täglichen Umgang mit der Krankheit, der Ernährung … 

Erhöhter Stress wurde bei Frauen festgestellt, die Komplikationen aufweisen, ihren Blutzucker schlecht kontrollieren, jünger und alleinstehend sind3

Eine andere Untersuchung hatte das Ziel, die Häufigkeit von Depressionen und Stress im Zusammenhang mit Diabetes in einer Gruppe von 368 Erwachsenen, die mit Diabetes Typ 1 leben, zu ermitteln. Sie wurde anhand eines Selbstbewertungsfragebogens (PHQ-8) und halbstrukturierter Interviews durchgeführt. 

Diese Interviews, die einer präzisen Methodik folgen, ermöglichen die Erstellung psychiatrischer Gutachten aufgrund von Kriterien, die dem Referenzhandbuch (DSM Englisch für Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders) entnommen sind. Diese Interviews dienten als Basis, um das Ausmaß der depressiven Störungen bei den Teilnehmern zu quantifizieren.

Gemäß dem Selbstbewertungsfragebogen (PHQ-8) beträgt die Häufigkeit von Stress im Zusammenhang mit Diabetes 42,1%, bei Depressionen hingegen zwischen 3,8% und 11,4%. Laut den strukturierten Interviews leiden jedoch lediglich 3,5% der Personen unter ernsthaften depressiven Störungen. Daraus wurde geschlossen, dass das, was im Selbstbewertungsfragebogen als „Depression“ identifiziert wird, in Wirklichkeit einer emotionellen Belastung in Zusammenhang mit der täglichen Bewältigung einer anspruchsvollen chronischen Krankheit und anderen Stressfaktoren des Lebens entspricht4

3 | Einige Empfehlungen zur besseren Bewältigung der Situation

Mit der therapeutischen Erziehung können die medizinischen Fachkräfte Ihnen helfen, selbst Akteur(in) bei der täglichen Bewältigung Ihrer Diabetes zu werden, das heißt, die Selbstorganisation: Ernährung, körperliche Bewegung, Behandlung, Überwachung. Da jede Person anders ist, wird ein individueller Behandlungsplan aufgestellt, der sich den Bedürfnissen, Ressourcen, psychologischen und sozialen Hemmnissen jedes Kranken anpasst.

Angesichts der Schwierigkeiten, mit Diabetes zu leben, der Belastungen der Behandlung und der persönlichen und gesellschaftlichen Beziehungen kann eine psychologische Betreuung in Betracht gezogen werden. Auf diese Weise kann die emotionale und psychologische Belastung verringert werden, um die Hemmnisse zu überwinden und das tägliche Leben besser zu bewältigen. 

Empfehlenswert ist eine gute Kommunikation zwischen der Person, die mit Diabetes lebt, und den medizinischen Fachkräften, verbunden mit Patientenvereinigungen; um die Bedürfnisse klar zu formulieren und Unterstützung zu erhalten.

Sensibilisierung und Information der Menschen mit Diabetes ist notwendig, um ihnen die Möglichkeit zu geben, angesichts der verschiedenen Optionen zur Behandlung von Diabetes wirklich fundierte und ihrem Lebensstil angepasste Entscheidungen zu treffen. 

Zu lesen: Weronika: das Diabetes-Burn-out hat ihr Leben verändert

4 | Die Erschöpfung im Zusammenhang mit Diabetes tritt oft im Web zutage 

Das Konzept der „Digitosome“ wird zu medizinischen Forschungszwecken untersucht. Dieser Ausdruck deckt die Gesamtheit der Digitaldaten ab, die von einem Individuum produziert werden (soziale Netzwerke, Smartphones, angeschlossene Geräte). Die Autor(inn)en haben die Videos studiert, die über eine Periode von 10 Jahren (2007-2017) im Internet gepostet wurden und deren Titel, Beschreibung oder Inhalt speziell auf Erschöpfung in Zusammenhang mit Diabetes hinweist. 

Daraus entwickelten sich vier Hauptthemen: 

  • „Sich geistig und körperlich erschöpft fühlen auf Grund der Einschränkungen, die sich aus der Behandlung ergeben“, 
  • „Loslösung hinsichtlich der eigenen Person, dem Behandlungs- und Hilfssystem“,
  • „Sich hilflos und ohnmächtig fühlen, unfähig, die Erschöpfung allein zu bekämpfen“
  • „Gewisse Faktoren tragen zu dieser Erschöpfung bei (Last der Selbstorganisation, fehlender Erfolg bei der Handhabung des Diabetes, Perfektionismus-Kultur und Angst hinsichtlich der Diabetes, mangelnde Hilfe, Auftreten von gewissen Ereignissen im Leben)“.

Die Selbstbeschreibungen von Erschöpfung in Verbindung mit Diabetes vermitteln den Eindruck, dass es sich in Wirklichkeit um eine Kombination aus Emotionen und Verhaltensweisen handelt, die von der Erschöpfung bis zur Loslösung reichen und von einem Gefühl der Hilflosigkeit begleitet werden5

Die Analyse dieser Autor(inn)en bot die Möglichkeit, vier Personenprofile zu definieren:

  • Der Engagierte: die Person meistert die Selbstorganisation ihres Diabetes und leidet weder unter Erschöpfung noch Loslösung oder Hilflosigkeit; 
  • Der Erschöpfte: die Person setzt sich weiterhin physisch für die individuelle Behandlung von Diabetes ein und verfügt über Unterstützung, doch beschreibt ein „Gefühl“ von Erschöpfung; 
  • Der Losgelöste: die Person löst sich von einem oder mehreren Aspekten los – Behandlung von Diabetes, Identität der Krankheit, Gesundheitssystem – aber zeigt weder Erschöpfung noch Hilflosigkeit; 
  • Burn-out: die Person präsentiert eine geistige, emotionale und körperliche Loslösung vom Diabetes und dem Gesundheitssystem6

QUELLE

  1. Soren E. Skovlund, Mark Peyrot, Das DAWN International Advisory Panel. Das Einstellung zu Diabetes, Wünsche und Bedürfnisse (DAWN) Programm: Ein neuer Ansatz zur Verbesserung der Ergebnisse der Diabetes-Behandlung. Diabetes-Spektrum 2005 Juli; 18(3): 136-142.
  2. Polonski, W.H., Fisher, L., Earles, J., Dudley, R.J., Lees, J., Mullan, J.T. & Jackson, R.A. (2005). Beurteilung von psychologischem Stress bei Diabetes. Diabetes Care. 28, 626 – 631.
  1. Fisher L, Polonsky WH, Hessler D. Verständnis der Quellen der Belastung bei Erwachsenen mit Diabetes Typ 1. J Komplikationen bei Diabetes. Mai-Juni 2015;29(4):572-7.
  2. Fisher L, Hessler DM, Polonsky WH. Verbreitung von Depression bei Diabetes Typ 1 und das Problem der Über-Diagnose. Diabet Med. 2016 Nov;33(11):1590-1597.
  3. S Abdoli, D Hessler, A Vora. Beschreibung von Diabetes-Burnout bei Patienten mit Diabetes Typ 1: eine Analyse von YouTube Videos. Diabet Med. 2020 Aug;37(8):1344-1351.
  4. Abdoli S, Hessler D, Vora A. Forschungsarbeiten: Erfahrungen mit Diabetes-Burnout: Eine qualitative Studie, durchgeführt bei Personen, die mit Diabetes Typ 1 leben. Am J Nurs. 2019 Dez;119(12):22-31.

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