Erfolgreiches Fasten, wenn Sie mit Typ-1-Diabetes leben

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Für diesen Artikel haben wir eine Diätassistentin und Ernährungsberaterin befragt. Fasten, wenn man mit Typ-1-Diabetes lebt, ist eine wichtige Entscheidung, die nach einer Risikobewertung in einem vorherigen Beratungsgespräch mit einem/einer Diabetologen/in getroffen werden sollte.

ÄrztInnen und ErnährungsberaterInnen sind Gesundheitsfachkräfte und können daher die eventuellen Risiken des Fastens für Ihren Diabetes am besten beurteilen. 

Der Frühling ist die Jahreszeit, in der viele verschiedene Techniken zum Fasten geradezu aufblühen. Unser Team hat mit der Diätassistentin und Ernährungsberaterin Magalie Montel gesprochen, die uns erklärt, wie man richtig fastet, wenn man mit Typ-1-Diabetes lebt.

Diabeloop: Was versteht man unter Fasten? 

Magalie Montel: Fasten ist der Verzicht auf Nahrung, eventuell verbunden mit dem Verzicht auf Getränke. Aus medizinischer Sicht beginnt das Fasten sechs Stunden nach der letzten Mahlzeit.

D: Warum fasten?

MM: Es gibt viele Gründe zu fasten: 

  • um abzunehmen, 
  • um nicht zuzunehmen, 
  • im Rahmen einer Diät bei gewissen Erkrankungen, 
  • zur Vorbereitung auf eine intensive sportliche Aktivität (z. B. auf einen Marathonlauf), 
  • um am Essverhalten zu arbeiten (vor allem nach großen Mahlzeiten), 
  • zur Linderung von Verdauungsproblemen, 
  • aus religiösen Gründen (Ramadan, Fastenzeit der Christen, Yom Kippur usw.).  

D: Worauf verzichtet man beim Fasten? 

MM: Man muss unterscheiden zwischen:

  • Dem Kohlenhydratfasten, das aus dem Verzicht auf  Kohlenhydrate besteht und gelegentlich von Sportlern vor einem Wettkampf oder zur Wiedereinstellung des Blutzuckerspiegels (s. unten) praktiziert wird;
  • Dem Totalfasten, bei dem man auf jegliche Nahrung verzichtet. Fasten kann auch Bestandteil von Krankenhausprotokollen bei Pathologien im Zusammenhang mit der Leber oder der  Bauchspeicheldrüse sein. 

D: Welche verschiedenen Arten des Fasten gibt es? 

MM: 

  • Das punktuelle Fasten ist ein fester Bestandteil vieler Religionen (Ramadan, Fastenzeit der Christen, Yom Kippur usw.). Die Vorbereitung darauf muss mindestens 4 Wochen im Voraus stattfinden, damit die Insulinmengen entsprechend eingestellt werden können. Zudem ist ein angepasster Ernährungsplan notwendig: ein sehr frühes Frühstück, ein Mittagessen beim Fastenbrechen und, falls gewünscht, ein Abendessen am frühen Abend mit einem entsprechenden Insulinschema. Man spricht vom „Switch“ der Insuline, da die schnellwirkenden Insuline oder Boli in der Nacht und nicht am Tag verabreicht werden. Langsames Insulin oder Basalinsulin kann demselben Trend folgen.
  • Beim intermittierenden oder Intervallfasten wird zwischen Tagen mit normaler Ernährung und Fastentagen abgewechselt. Dabei gibt es verschiedene Modelle:
    • 12 bis 24 Stunden Fasten pro Woche,
    • 5:2-Fasten (5 Tage normales Essen, dazwischen 2 Tage Intervallfasten),
    • zeitlich begrenztes Fasten (Nahrung wird nur während eines beschränkten Zeitraums eingenommen, oft während vier bis acht von 24 Stunden).

Wenn das Ziel dieser Art des Fastens darin besteht, Gewicht zu verlieren oder den Blutzuckerspiegel zu verbessern, werden die Ergebnisse nicht unbedingt offensichtlich sein. Außerdem besteht ein erhebliches Risiko für einen Jo-Jo-Effekt auf das Gewicht und sogar die  Blutzuckerwerte, wenn die Ernährung während der Zeit außerhalb der Fastenperiode nicht ausgewogen ist.

  • Beim „Heilfasten“ verzichtet man während einer Woche oder länger in „Zentren“ auf Nahrung, um seinen Körper zu entgiften. Es gibt keine wissenschaftlichen Daten, die eine entgiftende oder reinigende Wirkung untermauern. Dieser Entzug wird zu einer Abmagerung führen, da der Körper seine Reserven anzapft, um seine Funktion zu gewährleisten. Wenn das Fasten jedoch über einen längeren Zeitraum andauert, führt es zu Unterernährung, die zu Muskelabbau (aufgrund der fehlenden Aufnahme von Nahrungsproteinen) und Vitamin- und Mineralstoffmangel führt, was wiederum zahlreiche Beschwerden nach sich ziehen kann. Auch sollte man die unerwünschte Wirkung des Fastens auf das Gewicht nicht vergessen, denn bei Wiederaufnahme der normalen Ernährung lagert der Körper Reserven für die nächste Fastenzeit ein (dabei handelt es sich um einen Überlebensreflex bei reduziertem Grundstoffwechsel). Daher kommt es zu einer Gewichtszunahme, die manchmal sogar das Ausgangsgewicht übersteigt, zum gefürchteten „Jo-Jo-Effekt“! Überdies können Menschen infolge dieser Methode Essstörungen entwickeln. Menschen, die mit Typ-1-Diabetes leben, wird daher dringend vom Heilfasten abgeraten.

D: Auf welche Bedingungen ist beim Fasten zu achten? 

MM: Damit das Fasten wirksam ist, müssen mehrere Schritte strikt eingehalten werden.

1 – Eine ärztliche Beratung, um Ihren Gesundheitszustand zu überprüfen und um die Zustimmung Ihres/Ihrer DiabetologIn einzuholen, bevor Sie mit dem Fasten beginnen.

2 – Bereiten Sie sich mental vor, setzen Sie sich ein Ziel und bestimmen Sie im Voraus die Dauer.

3- Bereiten Sie Ihren Körper vor, indem Sie Ihre Nahrungsaufnahme im Voraus schrittweise reduzieren.

Es ist wichtig, dass Sie während der gesamten Fastenzeit regelmäßig von Ihrem Arzt oder Ihrer Ärztin überwacht werden und dass Sie ausreichend Flüssigkeit zu sich nehmen.

D: Sollte man gewisse Nahrungsmittel während des Fastens bevorzugen? Welche sollte man vermeiden? 

MM:  Es hat sich bewährt, das Fasten mit einem heißen oder warmen und vorzugsweise flüssigen Nahrungsmittel (da leichter verdaulich) zu beenden. Empfehlenswert ist eine heiße Gemüsesuppe, die den Körper mit Flüssigkeit, Vitaminen und Mineralsalzen versorgt. Es ist wichtig, dass das Verdauungssystem sanft wieder in Schwung gebracht wird. Dazu gehört auch, dass man nicht zu viel kauen muss. Dann kann man nach und nach weißes Fleisch und gekochtes Gemüse (gegart oder schonend gekocht) einführen, bis die Verdauung wieder normal funktioniert.

Um das Fasten zu brechen, sollten Sie unbedingt auf stark verarbeitete Lebensmittel mit einem hohen glykämischen Index (Limonaden, Brot, Reis, Nudeln, Chips usw.) verzichten, um Blutzuckerspitzen zu vermeiden. Das könnte zu schweren Stoffwechsel- und Verdauungsstörungen führen. Außerdem sollten Sie alle kalten Speisen (Milchprodukte, Eis), bei denen der Körper mehr arbeiten muss, um sie vor der Verdauung zu erwärmen, sowie ballaststoffreiche Lebensmittel vermeiden.

D: Man hört viel über den Verzicht auf Kohlenhydrate bei Typ-1-Diabetes. Können Sie uns erklären, was es damit auf sich hat? 

MM: Das Kohlenhydratfasten wird in der Regel während eines kurzfristigen Krankenhausaufenthalts in der Diabetesabteilung durchgeführt. Es muss zwingend unter ärztlicher Aufsicht erfolgen. Es besteht darin, unter ständiger Blutzuckerüberwachung (mithilfe eines Holters) nach Injektion der üblichen langsamen/basalen Insulineinheiten über 24 Stunden kohlenhydratfreie Nahrung zu sich zu nehmen.

Typische Mahlzeiten für einen solchen Tag sind: 

  • Frühstück: Kaffee / Tee / Kräutertee, ohne Milch
  • Mittagessen: weißer Fisch, Käse
  • Abendessen: Schinken, Salat

Im Laufe des Tages trinkt man zudem Wasser und/oder Heißgetränke ohne Milch. 

Allerdings sollten nicht allzu viele Proteine und Fette in diesen 24 Stunden zugeführt werden, da dies die Auswertung des Testergebnisses behindern könnte.

D: Wozu dient der Verzicht auf Kohlenhydrate bei Typ-1-Diabetes? 

MM: Er wird durchgeführt, um die Einheiten von langsamem/basalem Insulin so genau wie möglich auf die Bedürfnisse von Personen abzustimmen und/oder anzupassen, die mit Typ-1-Diabetes leben (mit Insulinpumpe oder Mehrfachinjektionen). Das Ziel des Basalinsulins ist es, normale Blutzuckerwerte zwischen den Mahlzeiten aufrechtzuerhalten. Es ist das „Insulin des Lebens“. Dieser Test ermöglicht es also, diese Einheiten auf der Grundlage der über 24 Stunden gemeldeten Blutzuckerwerte anzupassen.

Ein solcher Verzicht auf Kohlenhydrate ist auch im Rahmen einer therapeutischen Aufklärung zu Beginn der Behandlung mit einer Insulinpumpe oder bei einem schlecht eingestellten Diabetes nützlich.

Dazu ist anzumerken, dass es immer mehr Tests zur Anwendung bei teilweisem Verzicht auf Kohlenhydrate gibt, mit denen sich der Basalinsulin-Bedarf genauer nach Zeitraum beurteilen lässt (zum Beispiel: beim Frühstück, um das Morgendämmerungs-Phänomen zu diagnostizieren).

Die schnellwirkenden Insuline werden nicht mit dem Kohlenhydratfasten, sondern nach einer therapeutischen Schulung über die funktionelle Insulintherapie angepasst, die es Menschen mit Typ-1-Diabetes ermöglicht, die Kohlenhydrate in ihren Mahlzeiten zu berechnen und die notwendige Dosis an schnellem/bolusförmigem Insulin entsprechend abzustimmen.

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